Kirchen im Kreis Steinfurt thematisieren Kindeswohl

Auf die Rahmenbedingungen kommt es an. Und die könnten besser sein. Wie schwierig es ist, im „Spannungsfeld von Familie und Beruf“ das Wohl der Kinder im Blick zu behalten, damit beschäftigten sich Politiker, Pädagogen, Eltern- und Kirchenvertreter am 20. September bei einer ökumenischen Veranstaltung auf Einladung des katholischen Kreisdekanates Steinfurt, der beiden Evangelischen Kirchenkreise Steinfurt-Coesfeld-Borken sowie Tecklenburg und der Caritas Rheine in der Rheiner Stadthalle. Mit seinem Impulsvortrag „Die Tageseinrichtung – das zweite Zuhause?“ lieferte Prof. Dr. Rainer Strätz, ehemaliger Leiter des Sozialpädagogischen Instituts NRW und Experte auf dem Gebiet der Frühkindlichen Pädagogik, den etwa 300 Anwesenden, die meisten von ihnen Erzieherinnen, zu Beginn jede Menge Denkanstöße.

Diese nahm Moderatorin Sarah Stöber von der Abteilung Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Münster auf und gab sie an die Diskussionsteilnehmer weiter. Unter anderem an Kreisdechant Markus Dördelmann. Seine Antwort auf die Frage, was denn eine kirchliche Kindertagesstätte von einer nichtkonfessionellen unterscheide: „Bei uns spürt man eine besondere Atmosphäre. Und wir haben inhaltlich etwas anzubieten, was andere nicht haben.“ Darüber hinaus investiere das Bistum Münster jährlich über 20 Millionen Euro in die Kindertageseinrichtungen.

Prof. Dr. Rainer Strätz erinnerte sich ebenfalls auf diese Frage spontan an die Gelassenheit in den kirchlichen Einrichtungen: „Vieles ist in diesen Kitas selbstverständlich“, lobte er das Engagement der Erzieherinnen, das über das normale Maß weit hinausgehe. In seinem Referat hob Strätz dann besonders das Bedürfnis der Kinder nach einer ihnen vertrauten Bezugsperson hervor, die ihnen Sicherheit gibt. Den Eltern nahm er die Sorge, die Erzieherin könne vom Kind mehr geliebt werden als Mutter und Vater: „Ein Kind kann neue, zusätzliche Bindungen aufbauen, ohne dass die bestehenden leiden.“

Für eine optimale Betreuung vor allem der Unterdreijährigen müssten jedoch bestimmte Bedingungen erfüllt sein: „Wir brauchen in diesen Gruppen einen deutlich besseren Personalschlüssel.“ Entscheidend sei nicht das angestellte Personal, sondern das anwesende… Die Begründung für seine Forderung, für die er viel Beifall erhielt, schickte der Fachmann gleich hinterher: „Weit stärker als bei älteren Kindern verläuft die Entwicklung in den ersten Lebensjahren sehr individuell, was eine differenzierte Beobachung jedes einzelnen Kindes und eine entsprechend spezifische Gestaltung der pädagogischen Arbeit verlangt.“

Die Aufenthaltszeit in den Einrichtungen solle nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz sein. Auf eine genaue Stundenzahl mochte sich Strätz nicht festlegen. Vor der Anmeldung empfahl er den Eltern, sich die Tagesstätten anzuschauen und zu prüfen, ob sich das Kind dort wohl und geborgen fühlt: „Es kommt nicht auf die bunten Bauklötze an“, warnte er davor, allein auf Äußerliches zu achten. Ziel müsse es sein, den Kindern „Zuversicht und innere Stärke“ zu geben. Voraussetzung dafür sei, dass Erzieherinnen und Eltern in gegenseitigem Austausch und in gegenseitiger Achtung die Lebensräume der Kinder nicht voneinander trennen.

Damit Eltern es leichter haben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, verlangte Strätz eine familienfreundliche Gestaltung der Arbeitszeiten: „Die bestehenden Möglichkeiten werden bisher höchstens zu einem kleinen Teil realisiert.“ Von den Trägern der Kindertageseinrichtungen erwartete er im Gegenzug ausreichende und flexible Aufenthaltszeiten. Wie wichtig ein Zusammenspiel von beidem ist, das bestätigten Dr. Manfred Janssen, Geschäftsführer der Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft für Rheine (EWG), sowie der Personalleiter von Apetito Rheine, Dirk Stoltenberg. Janssen warnte im Zusammenhang mit der Randzeitenbetreuung vor „moralisch überladenen Diskussionen“. Von Dritten werde gerne ein traditionelles „Heile-Welt-Szenario“ zugrunde gelegt, das wirtschaftliche Realitäten oder auch den Wunsch nach beruflicher Verwirklichung junger Eltern kritisiere. Andere EU-Staaten seien weniger dogmatisch aufgestellt.

Landrat Dr. Klaus Effing bündelte die Beiträge: „Kinderbetreuung unter Betrachtung des Kindeswohls ist eine gemeinsame Aufgabe der Kommunen, der Wirtschaft, der freien Träger und der Kitas. Ein Entgegenkommen von allen Seiten und Kooperationen sind Lösungsmöglichkeiten.“ An die Landespolitik richtete er die Bitte: „Wenn wir nicht richtig investieren, holt es uns ein!“
Auch Kreisdechant Dördelmann hatte abschließend noch einen Wunsch Richtung Düsseldorf: „Tun Sie etwas gegen den Dokumentationswahnsinn! Dann haben die Erzieherinnen mehr Zeit für die Kinder.“

Die Folien des Vortrags von Prof. Dr. Strätz finden Sie hier als pdf-Download.